
Mira lernte ich in der indischen Hauptstadt kennen, wo sie
am Goethe Institut arbeitete. Wie hilfsbereit sie war, wie
schnell im Kopf, wie scheu. Ich war als Reporter
unterwegs, und sie wusste so vieles, von dem ich keine
Ahnung hatte.
Als sie mich Monate später im fernen Europa besuchen
kam, wurde die Nähe intim. Und sie und Mira waren ein
Desaster. Eine erwachsene Frau, erfolgreiche
Literaturdozentin, mehrsprachig, so indisch schön,
verfügte über das erotische Raffinement einer
unglücklichen Nonne, eckig und linkisch, auch furchtsam,
wohl Opfer – wie ich vermutete, und sie irgendwann
bestätigte – einer typischen Tochtererziehung in ihrem
Land: Sex ist eher ruchlos, Männer meist Schweine und
beides zusammen der Nährboden endloser Katastrophen.