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Flurfunk Geschichte
Daniel und Solveig
63 episodes
2 weeks ago
Wir beschließen unser halbwegs heiliges Jahr mit einer Wallfahrt zum Heiligen Rock nach Trier. Wir erzählen, wie sich Trier als besonders „heilige Stadt“ inszenierte und warum gerade diese Reliquie zum identitätsstiftenden Symbol wurde. Dabei ordnen wir den Heiligen Rock in die Tradition der Reliquienverehrung ein: von Kreuzsplittern über Nägel bis zu Kleidungsstücken, die Jesus zugeschrieben werden. Wir sprechen darüber, wie Städte mit ihren Heiligtümern Pilger, Prestige und Geld anziehen und sich damit ein regelrechter religiöser Wettbewerb entwickelt. Gleichzeitig wird der Rock zum Politikum: Wie wurde die Wallfahrt im Jahre 1844 zum Auslöser für Streit, Spott und Kulturkampf?

Kreuzfund der heiligen Helena und die Frage der Echtheit

Zunächst schauen wir auf die Legende von der heiligen Helena, der Mutter von Konstantin dem Großen. Wir erzählen, wie sie der Tradition nach nach Jerusalem reist, das Kreuz Jesu und weitere Passionsreliquien findet und nach Rom bringen lässt – in Varianten von der knappen Notiz bis zur farbig ausgeschmückten Legenda Aurea. Wir greifen die Figur des Judas/Kyriakus auf, der der Legende nach bei der Suche hilft, und zeigen, wie solche Geschichten den Glauben stärken sollen, dass auch Kleidungsstücke Jesu überliefert sein könnten. Zugleich diskutieren wir nüchtern die Frage der historischen Plausibilität: Was berichten antike Autoren wie Flavius Josephus, was bedeuten Zerstörung Jerusalems, römische Politik unter Titus und Hadrian oder der Bar-Kochba-Aufstand für die Überlieferungschancen eines Kreuzes? Danach hält es Solveig durchaus für denkbar, das Helena tatsächlich ein Kreuz fand, das frühe christliche Pilger als das Kreuz Christi verehrten.

Vom mittelalterlichen Pilgermagnet zum Politikum im Rheinland

Dann wenden wir uns der konkreten Geschichte des Heiligen Rocks in Trier zu. Wir erklären, wie die Stadt im Mittelalter eine ungeteilte Tunika Jesu, das „Gewand ohne Naht“, beansprucht und damit ihren Rang als Pilgerzentrum aufwertet – nicht zuletzt im Wettbewerb mit anderen Heiligtümern wie der Aachener Heiligtumsfahrt oder Kreuzreliquien in Prüm. Wir erzählen, wie der Rock bei großen Anlässen „erhoben“ und öffentlich gezeigt wird, mit aufwendiger Inszenierung, Gerüsten, Baldachinen und liturgischen Texten. Später kommen regelmäßige Wallfahrten hinzu, Ablässe – etwa durch Papst Leo X. – und gewaltige Pilgerströme, die der Region ökonomisch nutzen, aber auch heftige Kritik provozieren. Begriffe wie „Bescheißerei von Trier“ stehen für den Verdacht, dass hier mit Glauben Geschäfte gemacht werden. Nach Kriegen und Revolutionen wird der Rock mehrfach ausgelagert, unter anderem nach Ehrenbreitstein, Böhmen und Augsburg, bevor er wieder nach Trier zurückkehrt – in eine Region, die nach dem Wiener Kongress nun zum überwiegend protestantischen Preußen gehört. Genau hier beginnt die Geschichte des Heiligen Rocks als politisches Symbol im katholisch geprägten Rheinland.

Kölner und Trierer Wirren: Mischehenstreit und die Wallfahrt 1844

In einem großen Block schlagen wir die Brücke von der Reliquienverehrung zu den Kirchenkonflikten des 19. Jahrhunderts. Zunächst erklären wir die Kölner Wirren: den Streit um Mischehen zwischen Katholiken und Protestanten im Königreich Preußen, die Rolle des Theologen Georg Hermes und des Erzbischofs Clemens August Droste zu Vischering, der verhaftet wird. Wir zeigen, wie sich hier das Ringen zwischen Rom und dem preußischen Staat zuspitzt – ein Vorspiel zum späteren Kulturkampf. Danach wechseln wir nach Trier zu den „Trierer Wirren“ um Bischof Wilhelm Arnoldi, der 1844 die große Heilig-Rock-Wallfahrt organisiert. Wir erzählen, wie Hunderttausende nach Trier pilgern, wie Predigten von Heilungen und Wundern berichten und wie die Wallfahrt zu einem Medienereignis wird. Gleichzeitig formiert sich Widerstand: Liberale Katholiken und Protestanten sehen Täuschung, Aberglauben oder politisch motivierte Frömmigkeit, während konservative Kreise das Ganze als geistliches Großereignis feiern. So wird Trier zum Schauplatz eines Kulturkampfs im Kleinen – mitten im Vormärz.

Johannes Ronge und der Deutschkatholizismus

An diesem Punkt tritt Johannes Ronge auf den Plan. Wir schildern, wie der schlesische Priester in einem offenen Brief an Bischof Arnoldi die Heilig-Rock-Wallfahrt als „Götzendienst“ und bewusste Irreführung armer Gläubiger angreift. Wir verfolgen, wie dieser Brief erst regional, dann reichsweit verbreitet wird, wie er in Leipzig gedruckt und von Akteuren wie Robert Blum unterstützt wird und zu einem publizistischen Paukenschlag wird. Ronge wird exkommuniziert, doch um ihn herum bilden sich Gemeinden, die sich von Rom lösen – der Beginn des Deutschkatholizismus. Wir erklären, wie diese Bewegung Heiligenkult, Papsttum und Beichte kritisiert und eine nationale, „vernünftige“ Form des Christentums propagiert, eng verbunden mit liberalen und demokratischen Kreisen im Vormärz. Wir greifen auch Figuren wie Hans Blum auf und zeigen, wie die Debatten um den Heiligen Rock direkt in die politische Dynamik der Revolution von 1848 hineinreichen – bis hin zu späteren Auseinandersetzungen, in denen dann Otto von Bismarck eine zentrale Rolle spielt.

Spätere Wallfahrten mit und ohne Ablass

Zum Schluss schauen wir in einem Bogen über das 19. und 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Wir erzählen von späteren Heilig-Rock-Wallfahrten 1891, 1933, 1959, 1996 und 2012, von wechselnden politischen Kontexten – Kaiserreich, Nationalsozialismus, Bundesrepublik – und von der Frage, wie viele Menschen jeweils nach Trier kommen. Zuletzt sogar evangelische Christen, denen der Verzicht auf den sonst üblichen Ablass die Hemmungen nehmen sollte. 

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Wir beschließen unser halbwegs heiliges Jahr mit einer Wallfahrt zum Heiligen Rock nach Trier. Wir erzählen, wie sich Trier als besonders „heilige Stadt“ inszenierte und warum gerade diese Reliquie zum identitätsstiftenden Symbol wurde. Dabei ordnen wir den Heiligen Rock in die Tradition der Reliquienverehrung ein: von Kreuzsplittern über Nägel bis zu Kleidungsstücken, die Jesus zugeschrieben werden. Wir sprechen darüber, wie Städte mit ihren Heiligtümern Pilger, Prestige und Geld anziehen und sich damit ein regelrechter religiöser Wettbewerb entwickelt. Gleichzeitig wird der Rock zum Politikum: Wie wurde die Wallfahrt im Jahre 1844 zum Auslöser für Streit, Spott und Kulturkampf?

Kreuzfund der heiligen Helena und die Frage der Echtheit

Zunächst schauen wir auf die Legende von der heiligen Helena, der Mutter von Konstantin dem Großen. Wir erzählen, wie sie der Tradition nach nach Jerusalem reist, das Kreuz Jesu und weitere Passionsreliquien findet und nach Rom bringen lässt – in Varianten von der knappen Notiz bis zur farbig ausgeschmückten Legenda Aurea. Wir greifen die Figur des Judas/Kyriakus auf, der der Legende nach bei der Suche hilft, und zeigen, wie solche Geschichten den Glauben stärken sollen, dass auch Kleidungsstücke Jesu überliefert sein könnten. Zugleich diskutieren wir nüchtern die Frage der historischen Plausibilität: Was berichten antike Autoren wie Flavius Josephus, was bedeuten Zerstörung Jerusalems, römische Politik unter Titus und Hadrian oder der Bar-Kochba-Aufstand für die Überlieferungschancen eines Kreuzes? Danach hält es Solveig durchaus für denkbar, das Helena tatsächlich ein Kreuz fand, das frühe christliche Pilger als das Kreuz Christi verehrten.

Vom mittelalterlichen Pilgermagnet zum Politikum im Rheinland

Dann wenden wir uns der konkreten Geschichte des Heiligen Rocks in Trier zu. Wir erklären, wie die Stadt im Mittelalter eine ungeteilte Tunika Jesu, das „Gewand ohne Naht“, beansprucht und damit ihren Rang als Pilgerzentrum aufwertet – nicht zuletzt im Wettbewerb mit anderen Heiligtümern wie der Aachener Heiligtumsfahrt oder Kreuzreliquien in Prüm. Wir erzählen, wie der Rock bei großen Anlässen „erhoben“ und öffentlich gezeigt wird, mit aufwendiger Inszenierung, Gerüsten, Baldachinen und liturgischen Texten. Später kommen regelmäßige Wallfahrten hinzu, Ablässe – etwa durch Papst Leo X. – und gewaltige Pilgerströme, die der Region ökonomisch nutzen, aber auch heftige Kritik provozieren. Begriffe wie „Bescheißerei von Trier“ stehen für den Verdacht, dass hier mit Glauben Geschäfte gemacht werden. Nach Kriegen und Revolutionen wird der Rock mehrfach ausgelagert, unter anderem nach Ehrenbreitstein, Böhmen und Augsburg, bevor er wieder nach Trier zurückkehrt – in eine Region, die nach dem Wiener Kongress nun zum überwiegend protestantischen Preußen gehört. Genau hier beginnt die Geschichte des Heiligen Rocks als politisches Symbol im katholisch geprägten Rheinland.

Kölner und Trierer Wirren: Mischehenstreit und die Wallfahrt 1844

In einem großen Block schlagen wir die Brücke von der Reliquienverehrung zu den Kirchenkonflikten des 19. Jahrhunderts. Zunächst erklären wir die Kölner Wirren: den Streit um Mischehen zwischen Katholiken und Protestanten im Königreich Preußen, die Rolle des Theologen Georg Hermes und des Erzbischofs Clemens August Droste zu Vischering, der verhaftet wird. Wir zeigen, wie sich hier das Ringen zwischen Rom und dem preußischen Staat zuspitzt – ein Vorspiel zum späteren Kulturkampf. Danach wechseln wir nach Trier zu den „Trierer Wirren“ um Bischof Wilhelm Arnoldi, der 1844 die große Heilig-Rock-Wallfahrt organisiert. Wir erzählen, wie Hunderttausende nach Trier pilgern, wie Predigten von Heilungen und Wundern berichten und wie die Wallfahrt zu einem Medienereignis wird. Gleichzeitig formiert sich Widerstand: Liberale Katholiken und Protestanten sehen Täuschung, Aberglauben oder politisch motivierte Frömmigkeit, während konservative Kreise das Ganze als geistliches Großereignis feiern. So wird Trier zum Schauplatz eines Kulturkampfs im Kleinen – mitten im Vormärz.

Johannes Ronge und der Deutschkatholizismus

An diesem Punkt tritt Johannes Ronge auf den Plan. Wir schildern, wie der schlesische Priester in einem offenen Brief an Bischof Arnoldi die Heilig-Rock-Wallfahrt als „Götzendienst“ und bewusste Irreführung armer Gläubiger angreift. Wir verfolgen, wie dieser Brief erst regional, dann reichsweit verbreitet wird, wie er in Leipzig gedruckt und von Akteuren wie Robert Blum unterstützt wird und zu einem publizistischen Paukenschlag wird. Ronge wird exkommuniziert, doch um ihn herum bilden sich Gemeinden, die sich von Rom lösen – der Beginn des Deutschkatholizismus. Wir erklären, wie diese Bewegung Heiligenkult, Papsttum und Beichte kritisiert und eine nationale, „vernünftige“ Form des Christentums propagiert, eng verbunden mit liberalen und demokratischen Kreisen im Vormärz. Wir greifen auch Figuren wie Hans Blum auf und zeigen, wie die Debatten um den Heiligen Rock direkt in die politische Dynamik der Revolution von 1848 hineinreichen – bis hin zu späteren Auseinandersetzungen, in denen dann Otto von Bismarck eine zentrale Rolle spielt.

Spätere Wallfahrten mit und ohne Ablass

Zum Schluss schauen wir in einem Bogen über das 19. und 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Wir erzählen von späteren Heilig-Rock-Wallfahrten 1891, 1933, 1959, 1996 und 2012, von wechselnden politischen Kontexten – Kaiserreich, Nationalsozialismus, Bundesrepublik – und von der Frage, wie viele Menschen jeweils nach Trier kommen. Zuletzt sogar evangelische Christen, denen der Verzicht auf den sonst üblichen Ablass die Hemmungen nehmen sollte. 

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FG048 - Irene von Athen und das Zweikaiserproblem
Flurfunk Geschichte
1 hour 24 minutes 54 seconds
1 year ago
FG048 - Irene von Athen und das Zweikaiserproblem
In dieser Episode widmen wir uns dem spannenden Thema der Kaiserkrönung Karls des Großen im Jahr 800. Wir beleuchten die politischen Intrigen und die komplexen Beziehungen zwischen Rom und Konstantinopel, die zur Entstehung des sogenannten Zweikaiserproblems führten. Solveig erzählt uns, wie die Krönung Karls durch Papst Leo III. die europäische Geschichte nachhaltig beeinflusste und welche Rolle die byzantinische Kaiserin Irene von Athen in diesem Machtspiel spielte.

Die Krönung Karls des Großen

Am Weihnachtstag des Jahres 800 setzte Papst Leo III. dem fränkischen Herrscher Karl dem Großen die Kaiserkrone auf und entfachte damit einen Konflikt um die Legitimität des Kaisertitels. Wir diskutieren die Hintergründe dieser Krönung und die politischen Motive, die sowohl den Papst als auch Karl dazu bewogen, diesen historischen Schritt zu gehen. Welches Interesse verband der Papst mit einem neuen Kaisertum und wie kamen ausgerechnet die Karolinger zu dieser Machtfülle?

Das Zweikaiserproblem

Durch die Krönung Karls entstand das sogenannte Zweikaiserproblem, das die Beziehungen zwischen dem weströmischen und dem oströmischen Reich über Jahrhunderte hinweg prägte. Wir beleuchten die Perspektiven beider Seiten und wie dieses Problem letztendlich zur Spaltung der christlichen Kirche und zu einem dauerhaften Ost-West-Konflikt führte. Welche Rolle spielte dabei die Kaiserin Irene, die als Frau mit ihrem Sohn Konstantin VI. auf dem byzantinischen Thron saß?

Hätte die Geschichte anders verlaufen können?
In einem gedanklichen Experiment stellen wir uns vor, welche Auswirkungen eine Heirat zwischen Karl und Irene auf die europäische Geschichte gehabt hätte. Wäre ein vereintes römisches Reich möglich gewesen? Und wie hätte dies die religiöse und politische Landschaft Europas verändert?

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Kreuzfund der heiligen Helena und die Frage der Echtheit

Zunächst schauen wir auf die Legende von der heiligen Helena, der Mutter von Konstantin dem Großen. Wir erzählen, wie sie der Tradition nach nach Jerusalem reist, das Kreuz Jesu und weitere Passionsreliquien findet und nach Rom bringen lässt – in Varianten von der knappen Notiz bis zur farbig ausgeschmückten Legenda Aurea. Wir greifen die Figur des Judas/Kyriakus auf, der der Legende nach bei der Suche hilft, und zeigen, wie solche Geschichten den Glauben stärken sollen, dass auch Kleidungsstücke Jesu überliefert sein könnten. Zugleich diskutieren wir nüchtern die Frage der historischen Plausibilität: Was berichten antike Autoren wie Flavius Josephus, was bedeuten Zerstörung Jerusalems, römische Politik unter Titus und Hadrian oder der Bar-Kochba-Aufstand für die Überlieferungschancen eines Kreuzes? Danach hält es Solveig durchaus für denkbar, das Helena tatsächlich ein Kreuz fand, das frühe christliche Pilger als das Kreuz Christi verehrten.

Vom mittelalterlichen Pilgermagnet zum Politikum im Rheinland

Dann wenden wir uns der konkreten Geschichte des Heiligen Rocks in Trier zu. Wir erklären, wie die Stadt im Mittelalter eine ungeteilte Tunika Jesu, das „Gewand ohne Naht“, beansprucht und damit ihren Rang als Pilgerzentrum aufwertet – nicht zuletzt im Wettbewerb mit anderen Heiligtümern wie der Aachener Heiligtumsfahrt oder Kreuzreliquien in Prüm. Wir erzählen, wie der Rock bei großen Anlässen „erhoben“ und öffentlich gezeigt wird, mit aufwendiger Inszenierung, Gerüsten, Baldachinen und liturgischen Texten. Später kommen regelmäßige Wallfahrten hinzu, Ablässe – etwa durch Papst Leo X. – und gewaltige Pilgerströme, die der Region ökonomisch nutzen, aber auch heftige Kritik provozieren. Begriffe wie „Bescheißerei von Trier“ stehen für den Verdacht, dass hier mit Glauben Geschäfte gemacht werden. Nach Kriegen und Revolutionen wird der Rock mehrfach ausgelagert, unter anderem nach Ehrenbreitstein, Böhmen und Augsburg, bevor er wieder nach Trier zurückkehrt – in eine Region, die nach dem Wiener Kongress nun zum überwiegend protestantischen Preußen gehört. Genau hier beginnt die Geschichte des Heiligen Rocks als politisches Symbol im katholisch geprägten Rheinland.

Kölner und Trierer Wirren: Mischehenstreit und die Wallfahrt 1844

In einem großen Block schlagen wir die Brücke von der Reliquienverehrung zu den Kirchenkonflikten des 19. Jahrhunderts. Zunächst erklären wir die Kölner Wirren: den Streit um Mischehen zwischen Katholiken und Protestanten im Königreich Preußen, die Rolle des Theologen Georg Hermes und des Erzbischofs Clemens August Droste zu Vischering, der verhaftet wird. Wir zeigen, wie sich hier das Ringen zwischen Rom und dem preußischen Staat zuspitzt – ein Vorspiel zum späteren Kulturkampf. Danach wechseln wir nach Trier zu den „Trierer Wirren“ um Bischof Wilhelm Arnoldi, der 1844 die große Heilig-Rock-Wallfahrt organisiert. Wir erzählen, wie Hunderttausende nach Trier pilgern, wie Predigten von Heilungen und Wundern berichten und wie die Wallfahrt zu einem Medienereignis wird. Gleichzeitig formiert sich Widerstand: Liberale Katholiken und Protestanten sehen Täuschung, Aberglauben oder politisch motivierte Frömmigkeit, während konservative Kreise das Ganze als geistliches Großereignis feiern. So wird Trier zum Schauplatz eines Kulturkampfs im Kleinen – mitten im Vormärz.

Johannes Ronge und der Deutschkatholizismus

An diesem Punkt tritt Johannes Ronge auf den Plan. Wir schildern, wie der schlesische Priester in einem offenen Brief an Bischof Arnoldi die Heilig-Rock-Wallfahrt als „Götzendienst“ und bewusste Irreführung armer Gläubiger angreift. Wir verfolgen, wie dieser Brief erst regional, dann reichsweit verbreitet wird, wie er in Leipzig gedruckt und von Akteuren wie Robert Blum unterstützt wird und zu einem publizistischen Paukenschlag wird. Ronge wird exkommuniziert, doch um ihn herum bilden sich Gemeinden, die sich von Rom lösen – der Beginn des Deutschkatholizismus. Wir erklären, wie diese Bewegung Heiligenkult, Papsttum und Beichte kritisiert und eine nationale, „vernünftige“ Form des Christentums propagiert, eng verbunden mit liberalen und demokratischen Kreisen im Vormärz. Wir greifen auch Figuren wie Hans Blum auf und zeigen, wie die Debatten um den Heiligen Rock direkt in die politische Dynamik der Revolution von 1848 hineinreichen – bis hin zu späteren Auseinandersetzungen, in denen dann Otto von Bismarck eine zentrale Rolle spielt.

Spätere Wallfahrten mit und ohne Ablass

Zum Schluss schauen wir in einem Bogen über das 19. und 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Wir erzählen von späteren Heilig-Rock-Wallfahrten 1891, 1933, 1959, 1996 und 2012, von wechselnden politischen Kontexten – Kaiserreich, Nationalsozialismus, Bundesrepublik – und von der Frage, wie viele Menschen jeweils nach Trier kommen. Zuletzt sogar evangelische Christen, denen der Verzicht auf den sonst üblichen Ablass die Hemmungen nehmen sollte. 

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