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Flurfunk Geschichte
Daniel und Solveig
63 episodes
1 week ago
Wir beschließen unser halbwegs heiliges Jahr mit einer Wallfahrt zum Heiligen Rock nach Trier. Wir erzählen, wie sich Trier als besonders „heilige Stadt“ inszenierte und warum gerade diese Reliquie zum identitätsstiftenden Symbol wurde. Dabei ordnen wir den Heiligen Rock in die Tradition der Reliquienverehrung ein: von Kreuzsplittern über Nägel bis zu Kleidungsstücken, die Jesus zugeschrieben werden. Wir sprechen darüber, wie Städte mit ihren Heiligtümern Pilger, Prestige und Geld anziehen und sich damit ein regelrechter religiöser Wettbewerb entwickelt. Gleichzeitig wird der Rock zum Politikum: Wie wurde die Wallfahrt im Jahre 1844 zum Auslöser für Streit, Spott und Kulturkampf?

Kreuzfund der heiligen Helena und die Frage der Echtheit

Zunächst schauen wir auf die Legende von der heiligen Helena, der Mutter von Konstantin dem Großen. Wir erzählen, wie sie der Tradition nach nach Jerusalem reist, das Kreuz Jesu und weitere Passionsreliquien findet und nach Rom bringen lässt – in Varianten von der knappen Notiz bis zur farbig ausgeschmückten Legenda Aurea. Wir greifen die Figur des Judas/Kyriakus auf, der der Legende nach bei der Suche hilft, und zeigen, wie solche Geschichten den Glauben stärken sollen, dass auch Kleidungsstücke Jesu überliefert sein könnten. Zugleich diskutieren wir nüchtern die Frage der historischen Plausibilität: Was berichten antike Autoren wie Flavius Josephus, was bedeuten Zerstörung Jerusalems, römische Politik unter Titus und Hadrian oder der Bar-Kochba-Aufstand für die Überlieferungschancen eines Kreuzes? Danach hält es Solveig durchaus für denkbar, das Helena tatsächlich ein Kreuz fand, das frühe christliche Pilger als das Kreuz Christi verehrten.

Vom mittelalterlichen Pilgermagnet zum Politikum im Rheinland

Dann wenden wir uns der konkreten Geschichte des Heiligen Rocks in Trier zu. Wir erklären, wie die Stadt im Mittelalter eine ungeteilte Tunika Jesu, das „Gewand ohne Naht“, beansprucht und damit ihren Rang als Pilgerzentrum aufwertet – nicht zuletzt im Wettbewerb mit anderen Heiligtümern wie der Aachener Heiligtumsfahrt oder Kreuzreliquien in Prüm. Wir erzählen, wie der Rock bei großen Anlässen „erhoben“ und öffentlich gezeigt wird, mit aufwendiger Inszenierung, Gerüsten, Baldachinen und liturgischen Texten. Später kommen regelmäßige Wallfahrten hinzu, Ablässe – etwa durch Papst Leo X. – und gewaltige Pilgerströme, die der Region ökonomisch nutzen, aber auch heftige Kritik provozieren. Begriffe wie „Bescheißerei von Trier“ stehen für den Verdacht, dass hier mit Glauben Geschäfte gemacht werden. Nach Kriegen und Revolutionen wird der Rock mehrfach ausgelagert, unter anderem nach Ehrenbreitstein, Böhmen und Augsburg, bevor er wieder nach Trier zurückkehrt – in eine Region, die nach dem Wiener Kongress nun zum überwiegend protestantischen Preußen gehört. Genau hier beginnt die Geschichte des Heiligen Rocks als politisches Symbol im katholisch geprägten Rheinland.

Kölner und Trierer Wirren: Mischehenstreit und die Wallfahrt 1844

In einem großen Block schlagen wir die Brücke von der Reliquienverehrung zu den Kirchenkonflikten des 19. Jahrhunderts. Zunächst erklären wir die Kölner Wirren: den Streit um Mischehen zwischen Katholiken und Protestanten im Königreich Preußen, die Rolle des Theologen Georg Hermes und des Erzbischofs Clemens August Droste zu Vischering, der verhaftet wird. Wir zeigen, wie sich hier das Ringen zwischen Rom und dem preußischen Staat zuspitzt – ein Vorspiel zum späteren Kulturkampf. Danach wechseln wir nach Trier zu den „Trierer Wirren“ um Bischof Wilhelm Arnoldi, der 1844 die große Heilig-Rock-Wallfahrt organisiert. Wir erzählen, wie Hunderttausende nach Trier pilgern, wie Predigten von Heilungen und Wundern berichten und wie die Wallfahrt zu einem Medienereignis wird. Gleichzeitig formiert sich Widerstand: Liberale Katholiken und Protestanten sehen Täuschung, Aberglauben oder politisch motivierte Frömmigkeit, während konservative Kreise das Ganze als geistliches Großereignis feiern. So wird Trier zum Schauplatz eines Kulturkampfs im Kleinen – mitten im Vormärz.

Johannes Ronge und der Deutschkatholizismus

An diesem Punkt tritt Johannes Ronge auf den Plan. Wir schildern, wie der schlesische Priester in einem offenen Brief an Bischof Arnoldi die Heilig-Rock-Wallfahrt als „Götzendienst“ und bewusste Irreführung armer Gläubiger angreift. Wir verfolgen, wie dieser Brief erst regional, dann reichsweit verbreitet wird, wie er in Leipzig gedruckt und von Akteuren wie Robert Blum unterstützt wird und zu einem publizistischen Paukenschlag wird. Ronge wird exkommuniziert, doch um ihn herum bilden sich Gemeinden, die sich von Rom lösen – der Beginn des Deutschkatholizismus. Wir erklären, wie diese Bewegung Heiligenkult, Papsttum und Beichte kritisiert und eine nationale, „vernünftige“ Form des Christentums propagiert, eng verbunden mit liberalen und demokratischen Kreisen im Vormärz. Wir greifen auch Figuren wie Hans Blum auf und zeigen, wie die Debatten um den Heiligen Rock direkt in die politische Dynamik der Revolution von 1848 hineinreichen – bis hin zu späteren Auseinandersetzungen, in denen dann Otto von Bismarck eine zentrale Rolle spielt.

Spätere Wallfahrten mit und ohne Ablass

Zum Schluss schauen wir in einem Bogen über das 19. und 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Wir erzählen von späteren Heilig-Rock-Wallfahrten 1891, 1933, 1959, 1996 und 2012, von wechselnden politischen Kontexten – Kaiserreich, Nationalsozialismus, Bundesrepublik – und von der Frage, wie viele Menschen jeweils nach Trier kommen. Zuletzt sogar evangelische Christen, denen der Verzicht auf den sonst üblichen Ablass die Hemmungen nehmen sollte. 

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Wir beschließen unser halbwegs heiliges Jahr mit einer Wallfahrt zum Heiligen Rock nach Trier. Wir erzählen, wie sich Trier als besonders „heilige Stadt“ inszenierte und warum gerade diese Reliquie zum identitätsstiftenden Symbol wurde. Dabei ordnen wir den Heiligen Rock in die Tradition der Reliquienverehrung ein: von Kreuzsplittern über Nägel bis zu Kleidungsstücken, die Jesus zugeschrieben werden. Wir sprechen darüber, wie Städte mit ihren Heiligtümern Pilger, Prestige und Geld anziehen und sich damit ein regelrechter religiöser Wettbewerb entwickelt. Gleichzeitig wird der Rock zum Politikum: Wie wurde die Wallfahrt im Jahre 1844 zum Auslöser für Streit, Spott und Kulturkampf?

Kreuzfund der heiligen Helena und die Frage der Echtheit

Zunächst schauen wir auf die Legende von der heiligen Helena, der Mutter von Konstantin dem Großen. Wir erzählen, wie sie der Tradition nach nach Jerusalem reist, das Kreuz Jesu und weitere Passionsreliquien findet und nach Rom bringen lässt – in Varianten von der knappen Notiz bis zur farbig ausgeschmückten Legenda Aurea. Wir greifen die Figur des Judas/Kyriakus auf, der der Legende nach bei der Suche hilft, und zeigen, wie solche Geschichten den Glauben stärken sollen, dass auch Kleidungsstücke Jesu überliefert sein könnten. Zugleich diskutieren wir nüchtern die Frage der historischen Plausibilität: Was berichten antike Autoren wie Flavius Josephus, was bedeuten Zerstörung Jerusalems, römische Politik unter Titus und Hadrian oder der Bar-Kochba-Aufstand für die Überlieferungschancen eines Kreuzes? Danach hält es Solveig durchaus für denkbar, das Helena tatsächlich ein Kreuz fand, das frühe christliche Pilger als das Kreuz Christi verehrten.

Vom mittelalterlichen Pilgermagnet zum Politikum im Rheinland

Dann wenden wir uns der konkreten Geschichte des Heiligen Rocks in Trier zu. Wir erklären, wie die Stadt im Mittelalter eine ungeteilte Tunika Jesu, das „Gewand ohne Naht“, beansprucht und damit ihren Rang als Pilgerzentrum aufwertet – nicht zuletzt im Wettbewerb mit anderen Heiligtümern wie der Aachener Heiligtumsfahrt oder Kreuzreliquien in Prüm. Wir erzählen, wie der Rock bei großen Anlässen „erhoben“ und öffentlich gezeigt wird, mit aufwendiger Inszenierung, Gerüsten, Baldachinen und liturgischen Texten. Später kommen regelmäßige Wallfahrten hinzu, Ablässe – etwa durch Papst Leo X. – und gewaltige Pilgerströme, die der Region ökonomisch nutzen, aber auch heftige Kritik provozieren. Begriffe wie „Bescheißerei von Trier“ stehen für den Verdacht, dass hier mit Glauben Geschäfte gemacht werden. Nach Kriegen und Revolutionen wird der Rock mehrfach ausgelagert, unter anderem nach Ehrenbreitstein, Böhmen und Augsburg, bevor er wieder nach Trier zurückkehrt – in eine Region, die nach dem Wiener Kongress nun zum überwiegend protestantischen Preußen gehört. Genau hier beginnt die Geschichte des Heiligen Rocks als politisches Symbol im katholisch geprägten Rheinland.

Kölner und Trierer Wirren: Mischehenstreit und die Wallfahrt 1844

In einem großen Block schlagen wir die Brücke von der Reliquienverehrung zu den Kirchenkonflikten des 19. Jahrhunderts. Zunächst erklären wir die Kölner Wirren: den Streit um Mischehen zwischen Katholiken und Protestanten im Königreich Preußen, die Rolle des Theologen Georg Hermes und des Erzbischofs Clemens August Droste zu Vischering, der verhaftet wird. Wir zeigen, wie sich hier das Ringen zwischen Rom und dem preußischen Staat zuspitzt – ein Vorspiel zum späteren Kulturkampf. Danach wechseln wir nach Trier zu den „Trierer Wirren“ um Bischof Wilhelm Arnoldi, der 1844 die große Heilig-Rock-Wallfahrt organisiert. Wir erzählen, wie Hunderttausende nach Trier pilgern, wie Predigten von Heilungen und Wundern berichten und wie die Wallfahrt zu einem Medienereignis wird. Gleichzeitig formiert sich Widerstand: Liberale Katholiken und Protestanten sehen Täuschung, Aberglauben oder politisch motivierte Frömmigkeit, während konservative Kreise das Ganze als geistliches Großereignis feiern. So wird Trier zum Schauplatz eines Kulturkampfs im Kleinen – mitten im Vormärz.

Johannes Ronge und der Deutschkatholizismus

An diesem Punkt tritt Johannes Ronge auf den Plan. Wir schildern, wie der schlesische Priester in einem offenen Brief an Bischof Arnoldi die Heilig-Rock-Wallfahrt als „Götzendienst“ und bewusste Irreführung armer Gläubiger angreift. Wir verfolgen, wie dieser Brief erst regional, dann reichsweit verbreitet wird, wie er in Leipzig gedruckt und von Akteuren wie Robert Blum unterstützt wird und zu einem publizistischen Paukenschlag wird. Ronge wird exkommuniziert, doch um ihn herum bilden sich Gemeinden, die sich von Rom lösen – der Beginn des Deutschkatholizismus. Wir erklären, wie diese Bewegung Heiligenkult, Papsttum und Beichte kritisiert und eine nationale, „vernünftige“ Form des Christentums propagiert, eng verbunden mit liberalen und demokratischen Kreisen im Vormärz. Wir greifen auch Figuren wie Hans Blum auf und zeigen, wie die Debatten um den Heiligen Rock direkt in die politische Dynamik der Revolution von 1848 hineinreichen – bis hin zu späteren Auseinandersetzungen, in denen dann Otto von Bismarck eine zentrale Rolle spielt.

Spätere Wallfahrten mit und ohne Ablass

Zum Schluss schauen wir in einem Bogen über das 19. und 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Wir erzählen von späteren Heilig-Rock-Wallfahrten 1891, 1933, 1959, 1996 und 2012, von wechselnden politischen Kontexten – Kaiserreich, Nationalsozialismus, Bundesrepublik – und von der Frage, wie viele Menschen jeweils nach Trier kommen. Zuletzt sogar evangelische Christen, denen der Verzicht auf den sonst üblichen Ablass die Hemmungen nehmen sollte. 

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FG056 - Feindbild Jesuiten
Flurfunk Geschichte
2 hours 18 minutes 44 seconds
6 months ago
FG056 - Feindbild Jesuiten
In der letzten Folge haben wir uns mit den Licht- und Schattenseiten der Aufklärung beschäftigt – ihrer Suche nach Wahrheit, ihrem Hang zur Kontrolle, ihren Feindbildern. In dieser Folge knüpfen wir daran an: Wir schauen auf einen Gegner der Aufklärer, der für viele zur idealen Projektionsfläche wurde – die Gesellschaft Jesu, besser bekannt als die Jesuiten.

Ein Verbot mit Signalwirkung: Clemens XIV. hebt den Orden auf

1773 war Schluss. Papst Clemens XIV. hob den Jesuitenorden mit der Bulle Dominus ac Redemptor offiziell auf – ein beispielloser Akt der Selbstbeschneidung kirchlicher Macht. In der Bulle werden schwere Vorwürfe gegen den Orden erhoben: Intrigen, Machtmissbrauch, politische Einmischung, Überheblichkeit und Habgier. Wir gehen diese Punkte Schritt für Schritt durch, fragen nach den konkreten Hintergründen – und zeigen, warum der Papst kaum noch eine Wahl hatte, als der Druck von fast allen katholischen Höfen Europas auf Rom wuchs.

Der Anfang: Ignatius von Loyola und die Gründung der Gesellschaft Jesu

Um das Misstrauen zu verstehen, müssen wir ganz an den Anfang zurück: Ignatius von Loyola, baskischer Edelmann und Ex-Söldner, gründete 1540 mit einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter den Orden der Societas Jesu. Dabei sind die Jesuiten kein Orden im eigentlichen Sinne, sondern eine Gemeinschaft von Weltpriestern, die einer gemeinsamen Regel folgen. Ihre Zahl stieg schnell an und die Jesuiten entwickelten sich rasant zu einer internationalen Gesllschaft. Wir rekonstruieren die geistigen Grundlagen, das militärisch geprägte Selbstverständnis und die enge Bindung an den Papst – die für viele schon damals verdächtig wirkten.

Eliteprojekt mit globalem Netzwerk: Die Macht der Jesuiten

Der Erfolg des Ordens war atemberaubend: Jesuiten betrieben im 17. Jahrhundert Hunderte Schulen und Universitäten in Europa und Übersee, sie begleiteten Könige als Beichtväter, standen an der Spitze diplomatischer Missionen, leiteten wissenschaftliche Projekte und wirkten als kulturelle Mittler zwischen Kontinenten. Doch mit der wachsenden Macht wuchs auch die Feindschaft – gerade von jenen, die sich vom Einfluss der Jesuiten bedroht fühlten: dem weltlichen Klerus, adeligen Bildungsreformern, philosophischen Aufklärern.

Frankreich als Konfliktherd: Jansenismus, Gallikanismus, Antijesuitismus

Besonders scharf wurde der Konflikt in Frankreich. Hier trafen die Jesuiten auf einen ideologischen Gegner, der ihnen auf Augenhöhe entgegentreten konnte: den Jansenismus – eine theologisch-strenge Richtung, die Gnade und Prädestination betonte und für ihre moralische Strenge bekannt war. Jesuiten und Jansenisten lieferten sich erbitterte Auseinandersetzungen, die bald über den theologischen Rahmen hinauswuchsen. Der bekannte Mathematiker Blaise Pascal gab seiner antijesuitischen Haltung Ausdruck in seinem Werk Briefe in die Provinz. Dazu kam der Gallikanismus, also die Forderung nach mehr Unabhängigkeit der französischen Kirche von Rom – was den Jesuiten, als Papsttreue par excellence, doppelt verdächtig machte. Besonders wirkmächtig wurde ein Buch, das die angeblichen geheimen Anweisungen des Generaloberen an die Mitglieder der Gesellschaft Jesu enthielt. Diese Monita Secreta stellten die Jesuiten als machthungrige und habgierige Organisation dar. Das anonyme Machwerk entfaltete zu Beginn des 19. Jahrhunderts seinen größten Einfluss.

Geheime Macht: Nikolai, Knigge und das Bild des „Schwarzen Ordens“

Im 18. Jahrhundert waren es dann die Aufklärer, die den Ton angaben – und die Jesuiten - nach dem erfolgten Verbot der Gesellschaft - zu einem Symbol für Fanatismus und dunkle Macht machten. Insbesondere Friedrich Nicolai stilisierte den Orden zu einer Art katholischem Deep State. In ihrer Vorstellung zogen Jesuiten im Verborgenen die Fäden, verhinderten Fortschritt, unterdrückten Vernunft – und manipulierten die Massen. Der Antijesuitismus wurde zur literarischen wie politischen Waffe.

Weltweit im Einsatz: Missionen in China und Südamerika

Dabei agierten die Jesuiten nicht nur in Europa: Ihre Missionare wirkten in Südamerika – etwa in den sogenannten Reduktionen in Paraguay, wo sie eigenständige Gemeinschaften mit indigener Selbstverwaltung aufbauten – und in China, wo sie am Kaiserhof astronomische und mathematische Kenntnisse vermittelten. Diese Missionspraxis stieß allerdings auf Widerstand in Rom: Der sogenannte Ritenstreit drehte sich um die Frage, ob beispielsweise chinesische Ahnenkulte mit dem Christentum vereinbar seien. Die Jesuiten waren für kulturelle Anpassung – der Vatikan sagte Nein. In diesem Konflikt zwischen religiösem Dogma und kultureller Öffnung gerieten die Jesuiten nun auch innerkirchlich verstärkt unter Druck.

Die Gegner formieren sich: Pombal, Choiseul und der Weg zum Verbot

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts spitzte sich der politische Druck auf den Orden zu. In Portugal war es der radikale Reformer Marquês de Pombal, in Frankreich Außenminister Étienne-François de Choiseul, die mit Nachdruck die Vertreibung der Jesuiten betrieben. Beide nutzten einzelne Skandale, etwa die angebliche Verwicklung in Verschwörungen oder wirtschaftliche Streitigkeiten, um ein umfassendes Verbot durchzusetzen. 1764 wurden sie in Frankreich verboten, bereits 1759 in Portugal. Spanien und Neapel folgten und setzten Rom unter Zugzwang.

1773 – Das Ende und der Anfang des Mythos

Mit dem Verbot 1773 verschwand der Orden offiziell – doch sein Bild blieb. Und es verwandelte sich: in ein Verschwörungsnarrativ, das erstaunlich modern anmutet. Jesuiten wurden nun als geheime Drahtzieher, als „unsichtbare Internationale“, als Gegner der Freiheit gezeichnet. Friedrich Nicolai dichtete ihnen Einfluss bis in die Französische Revolution hinein an. Die Form dieser Kritik – antielitär, kirchenkritisch, häufig antisemitisch aufgeladen – lebt in vielen späteren Erzählungen weiter, bis ins 20. Jahrhundert.
Die Jesuiten sind längst rehabilitiert und wieder weltweit aktiv. Doch die alten Mythen haben überlebt – in Literatur, Verschwörungstheorien und kirchenkritischen Diskursen. Warum? Vielleicht, weil der Orden immer ein Spiegel war: für Ängste vor Macht, vor Bildungseliten, vor dem Fremden. Und weil er selbst nie ganz unschuldig daran war, dass man ihm so viel zutraute.


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Kreuzfund der heiligen Helena und die Frage der Echtheit

Zunächst schauen wir auf die Legende von der heiligen Helena, der Mutter von Konstantin dem Großen. Wir erzählen, wie sie der Tradition nach nach Jerusalem reist, das Kreuz Jesu und weitere Passionsreliquien findet und nach Rom bringen lässt – in Varianten von der knappen Notiz bis zur farbig ausgeschmückten Legenda Aurea. Wir greifen die Figur des Judas/Kyriakus auf, der der Legende nach bei der Suche hilft, und zeigen, wie solche Geschichten den Glauben stärken sollen, dass auch Kleidungsstücke Jesu überliefert sein könnten. Zugleich diskutieren wir nüchtern die Frage der historischen Plausibilität: Was berichten antike Autoren wie Flavius Josephus, was bedeuten Zerstörung Jerusalems, römische Politik unter Titus und Hadrian oder der Bar-Kochba-Aufstand für die Überlieferungschancen eines Kreuzes? Danach hält es Solveig durchaus für denkbar, das Helena tatsächlich ein Kreuz fand, das frühe christliche Pilger als das Kreuz Christi verehrten.

Vom mittelalterlichen Pilgermagnet zum Politikum im Rheinland

Dann wenden wir uns der konkreten Geschichte des Heiligen Rocks in Trier zu. Wir erklären, wie die Stadt im Mittelalter eine ungeteilte Tunika Jesu, das „Gewand ohne Naht“, beansprucht und damit ihren Rang als Pilgerzentrum aufwertet – nicht zuletzt im Wettbewerb mit anderen Heiligtümern wie der Aachener Heiligtumsfahrt oder Kreuzreliquien in Prüm. Wir erzählen, wie der Rock bei großen Anlässen „erhoben“ und öffentlich gezeigt wird, mit aufwendiger Inszenierung, Gerüsten, Baldachinen und liturgischen Texten. Später kommen regelmäßige Wallfahrten hinzu, Ablässe – etwa durch Papst Leo X. – und gewaltige Pilgerströme, die der Region ökonomisch nutzen, aber auch heftige Kritik provozieren. Begriffe wie „Bescheißerei von Trier“ stehen für den Verdacht, dass hier mit Glauben Geschäfte gemacht werden. Nach Kriegen und Revolutionen wird der Rock mehrfach ausgelagert, unter anderem nach Ehrenbreitstein, Böhmen und Augsburg, bevor er wieder nach Trier zurückkehrt – in eine Region, die nach dem Wiener Kongress nun zum überwiegend protestantischen Preußen gehört. Genau hier beginnt die Geschichte des Heiligen Rocks als politisches Symbol im katholisch geprägten Rheinland.

Kölner und Trierer Wirren: Mischehenstreit und die Wallfahrt 1844

In einem großen Block schlagen wir die Brücke von der Reliquienverehrung zu den Kirchenkonflikten des 19. Jahrhunderts. Zunächst erklären wir die Kölner Wirren: den Streit um Mischehen zwischen Katholiken und Protestanten im Königreich Preußen, die Rolle des Theologen Georg Hermes und des Erzbischofs Clemens August Droste zu Vischering, der verhaftet wird. Wir zeigen, wie sich hier das Ringen zwischen Rom und dem preußischen Staat zuspitzt – ein Vorspiel zum späteren Kulturkampf. Danach wechseln wir nach Trier zu den „Trierer Wirren“ um Bischof Wilhelm Arnoldi, der 1844 die große Heilig-Rock-Wallfahrt organisiert. Wir erzählen, wie Hunderttausende nach Trier pilgern, wie Predigten von Heilungen und Wundern berichten und wie die Wallfahrt zu einem Medienereignis wird. Gleichzeitig formiert sich Widerstand: Liberale Katholiken und Protestanten sehen Täuschung, Aberglauben oder politisch motivierte Frömmigkeit, während konservative Kreise das Ganze als geistliches Großereignis feiern. So wird Trier zum Schauplatz eines Kulturkampfs im Kleinen – mitten im Vormärz.

Johannes Ronge und der Deutschkatholizismus

An diesem Punkt tritt Johannes Ronge auf den Plan. Wir schildern, wie der schlesische Priester in einem offenen Brief an Bischof Arnoldi die Heilig-Rock-Wallfahrt als „Götzendienst“ und bewusste Irreführung armer Gläubiger angreift. Wir verfolgen, wie dieser Brief erst regional, dann reichsweit verbreitet wird, wie er in Leipzig gedruckt und von Akteuren wie Robert Blum unterstützt wird und zu einem publizistischen Paukenschlag wird. Ronge wird exkommuniziert, doch um ihn herum bilden sich Gemeinden, die sich von Rom lösen – der Beginn des Deutschkatholizismus. Wir erklären, wie diese Bewegung Heiligenkult, Papsttum und Beichte kritisiert und eine nationale, „vernünftige“ Form des Christentums propagiert, eng verbunden mit liberalen und demokratischen Kreisen im Vormärz. Wir greifen auch Figuren wie Hans Blum auf und zeigen, wie die Debatten um den Heiligen Rock direkt in die politische Dynamik der Revolution von 1848 hineinreichen – bis hin zu späteren Auseinandersetzungen, in denen dann Otto von Bismarck eine zentrale Rolle spielt.

Spätere Wallfahrten mit und ohne Ablass

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