Von den Worten des Menschen, dem Klang der Musik und der Stimmung des Schweigens von HOLGER ZABOROWSKI
Die Stille und das Wort des Menschen Aus der Stille kommt alles, was ist. Die Welt ist aus der Stille geboren. Bevor überhaupt etwas war, vor dem Anfang von allem, vor dem Urknall – Wer hätte ihn hören können? Wie klang er? – war die Stille. Die anfängliche, den Anfang ermöglichende Stille ist das Nichts, das allem, was ist, zuvor und zugrunde liegt. Und sie ist als Grund die Offenheit für alles, für all die Möglichkeiten, die sich aus ihr ergeben, all die Worte und Klänge, die Geräusche und Laute, die sich aus ihr hervorwagen. Alles kommt aus der Stille, und so kommt aus der Stille auch der Mensch. Wenn ein Mensch auf die Welt gekommen ist, beginnt er recht bald, laut zu schreien. Dass er schreit, ist ein gutes Zeichen. Er lebt, dieser neue Erdenbürger. Er macht auf sich aufmerksam, drückt Begierden aus, äußert sich. Diese ersten Äußerungen sind elementarer Natur. Sie sind überlebensnotwendig. Menschen teilen diese Fähigkeit, sich bemerkbar zu machen, mit den Tieren, die auch schreien, weinen, jammern können. Es gibt jedoch noch eine andere Weise, in der Menschen sich äußern, in der sie ihr Inneres nach außen wenden, sich zeigen als die, die sie sind. Wenn sie nämlich nicht einfach animalische Laute von sich geben, sondern sprechen, wenn sie ein Wort und noch ein anderes Wort, wenn sie Sätze, Gedanken, Bedeutungsvolles äußern und dies aus ihrem Inneren heraus ins Außen der Welt hinein erklingen lassen. In solchen Äußerungen zeigen sich Menschen, zeigen, dass sie nicht nur etwas sind, etwas Vorhandenes, sondern jemand, eine Person mit Innenleben, das sich in allem, was sie sagt oder tut, mal mehr, mal weniger nach außen wenden kann. Daher ist es fürEltern wichtig, wann ein Kind das erste Wort gesagt hat – und was es genau gesagt hat. War es »Mama«? »Papa«? Oder etwas ganz anderes? Manche Kinder fangen besonders früh an zu sprechen. Andere sind mundfaul und beginnen sehr spät mit dem Sprechen. Doch für alle ist der Moment des ersten Wortes ein entscheidendes Ereignis, das im Gedächtnis der Familie weitergetragen wird – als sei es ein zweiter Geburtstag, ein zweites Zur-Welt-Kommen. Und genau das ist es auch: ein Sich-Zeigen, in dem noch einmal neu die Welt betreten und die Welt angeeignet, zu etwas Eigenem gemacht wird. Denn mit dem ersten Wort tritt der Mensch aus der Stille, in der es für ihn noch keine Worte gibt, sondern nur Laute, heraus. Er lässt diese Stille hinter sich und kommt zur Sprache und dadurch erst in vollem Sinne zur Welt, die sich ihm in Worten eröffnet und die er sich durch Worte erschließt, Wort um Wort, Satz für Satz, ein Wechselspiel, ein Hin und Her von Anspruch und Zuspruch, der Dialog von Mensch und Welt. Aus der wortlosen, wenn auch nicht lautlosen Stille heraus zeigen sich Menschen als Menschen, die, wie Aristoteles sagte, den Logos, das Wort, die Sprache, den Sinn haben, um dadurch zur Welt zu kommen und in ihr Heimat zu finden. Geheimnisvoll ist dieser Übergang, so geheimnisvoll wie überhaupt die Menschwerdung und das Menschsein. Ein Mensch zeigt sich, ein erstes Wort erklingt, und nun lebt er, dieser Mensch, im Gespräch, als Gespräch mit sich selbst, der Welt, anderen Menschen und, wenn er betet, auch mit Gott.
Cover: Jedi Noordegraaf
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